Fichtengeschichten

Veröffentlicht: Sonntag, 14. Januar 2018

Letzte Woche hatten wir hier bei uns Sturm. Und diesen Sturm hatte ich auch im Kopf. Ich habe oft Kopfschmerzen, besonders wenn das Wetter sich ändert und dieses Mal war es sehr unangenehm, anders als sonst, aber nicht weniger schlimm. Samstag hatte ich den Kopfschmerzgipfel erreicht und ich konnte nicht viel machen. Doch im Laufe der Nacht wurde es besser und am Sonntag war es wirklich erträglich. Jetzt brauchte mal eine kleine Pause vom Liegen und Autospielen und Legobauen und Essenmachen und Aufräumen und was man als Mama von einem 5-Jährigen halt so macht, auch wenn man eigentlich nicht dazu in der Lage ist. Den Kleinen und meinen Mann konnte ich glücklicherweise davon überzeugen, wie super es doch wäre, wenn die Fahrradstrecke auf dem Hof auf den neusten Stand gebracht werden würde. Und so konnte ich alleine losziehen und den Kopf frei bekommen.

Und ich habe eine Fichte getroffen.

Doch von Anfang an. Ich bin ins Tal gefahren, zum Fluss. Der Fluss zeigte sich noch immer stark angeschwollen und einige flussnahe Felder waren noch immer überschwemmt. Seltsamerweise habe ich mich aber gegen eine Runde am Wasser entschieden und bin einen Feldweg entlang spaziert. Es war kalt und fröstelnd zog ich mir mehrmals meinen Schal enger um den Hals. Hinter einer Schlehdornhecke bog ich ab um am Feldrand entlang zum Waldstreifen zu gelangen. Als ich den Waldrand erreicht hatte, fiel mir gleich diese sonderbare, irgendwie knisternde Atmosphäre auf. Was war denn hier, dass ich mich so gar nicht willkommen fühlte?

Nur drei Meter weiter wartete auch schon die Antwort auf mich: Drei tiefe Erdbauten. Mit ziemlich großen Eingängen. Ich denke es waren Fuchsbauten, aber es konnte auch durchaus ein Dachsbau sein. Ich machte direkt auf dem Absatz kehrt und ging den gleichen Weg zurück den ich gekommen war. Gut, hier sollte ich also nicht in den Wald.

Ich ging also weiter den Feldweg entlang und bewunderte nebenbei den Waldrand. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, wie wunderschön und charakteristisch unsere Bäume sind, wenn sie kein Blätterkleid tragen. Sie stehen nackt und stark tief verwurzelt da und zeigen sich. Unverhüllt. Majestätisch. Stolz. Ihre knorrigen Äste erzählen Geschichten von Wasser und Federn, ihre Rinde von Sonne und Wind. Und wie unterschiedlich sie alle sind. Hat man sich einmal eingeschaut, dann sind sie unverwechselbar. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich eines Herbstes so frustriert war, dass sie alle ihre Blätter verloren hatten und ich sie jetzt nicht mehr so leicht identifizieren konnte. Doch wie so oft, lag hier der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis.

Und wie ich so weiter vor mich hin spazierte und über die Silhouetten der Bäume nachdachte, viel mein Blick auf eine sehr große und sehr imposante Fichte. Neben ihr stand eine zweite, kleinere. Ein wunderschöner, sehr hoch gewachsener Baum und ich fragte mich, wie ich am sichersten zu ihr gelangen konnte. Sie stand zwar nicht sehr weit vom Weg entfernt, aber das nasse Wetter und die Nähe zum Fluss ließen mich nicht gerade Vertrauen in das Unterholz fassen. Ich ging also ein Stückchen weiter, der Weg machte hier eine Biegung. Vielleicht konnte ich von dort besser an den Baum gelangen.

Doch hinter der Biegung erwartete mich etwas ganz anderes.

Der Sturm von letzter Woche war anscheinend in das kleine Waldstück gefahren und hatte eine der großen Fichten gefällt. Ich habe zuerst gar nicht verstanden was ich da sehe, mein Gehirn musste erst gewisse Eckpunkte zusammenzählen, bis sich mir das Bild erschloss. Dichtes Gestrüpp und ein kleiner Holunderhain versperrte mir die Sicht, doch dann erkannte ich die herausgerissenen Wurzeln und warum die Äste in einem so seltsamen Winkel standen. Unfassbar. Umgeweht. Dieser riesige Baum.

Dazu muss man sagen, das war jetzt nicht das erste Mal, dass ich Windbruch sah. Hier am Fluss stehen sehr viele Weiden und hier brechen nahezu bei jedem größeren Sturm große Äste ab. Aber es war mein erstes Mal, dass ich eine so große, einzelne Fichte frisch entwurzelt am Boden liegen sah. Kein anderer Baum in der Nähe war beschädigt oder ebenfalls umgeweht worden.

Voller Ehrfurcht näherte ich mich dem Baum. Ich berührte seine noch ganz frischen Zweige und Äste, und der wunderbare, tiefe Geruch nach Wald umfing mich. An den spitzen Nadeln glänzten frische Regentropfen und ich war verzaubert. Plötzlich schloss sich ein Gedankenkreis. Kurz vor der Wintersonnenwende, kurz vor den offiziellen Raunächten, haben die Immergrünen begonnen nach mir zu rufen. Zuerst war es die Kiefer. Ich bin mit meinem Sohn losgezogen und ganz in der Nähe der jetzt umgestürzten Fichte in den Wald gegangen um ein paar heruntergefallene Kiefernzweige und Zapfen zu suchen. Daheim haben wir daraus Tischschmuck gebastelt und ich habe einen starken Aufguss aus den Nadeln zubereitet, den ich dann getrunken habe. Mit dem Rest habe ich mich unter der Dusche abgespült, meinen ganzen Körper und vor allem meine Haare. Was für ein Duft! (Kurze Randbemerkung: Das ist zum Beispiel eine der Formen, wie ich mich den Pflanzen nähere. Sie zu mir nehmen, sie riechen, schmecken und spüren. Das geht natürlich nur bei einwandfrei bestimmten und erkannten Pflanzen, wenn sie ungiftig sind und für den Verzehr geeignet sind. Mit so etwas bitte keine Scherze machen.)

Und jetzt die Fichte. Diese großen, majestätischen Bäume, die irgendwie oft abgetan werden und verkannt sind. Ihr Duft umhüllte mich und mir war, als wäre ich daheim. Angekommen. In einem neuen Kapitel. Ich ließ ihre Äste, immer noch voller Saft und Kraft, durch meine Hände gleiten, an jeder Nadel saß ein Tropfen. Meine Hände wurden feucht und nass - und es war wie ein Segen für mich. Als hätte dieser Baum mich nun in seine Welt eingeladen.

Unsere Welten haben sich berührt. Ich konnte für einen kurzen (doch was bedeutet Zeit?) Moment in den Raum dieser Fichte eintreten. Ich hatte einen dieser raren und außergewöhnlichen Momente, in denen sich Seelen berühren.

Menschenseele und Baumseele.

Hier geht's weiter mit Teil 2.

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